Mr. Huber

Ui-Kyung Lee: Don’t Say Goodbye To Your Drum Mr. Huber (2016)

für verstärktes Ensemble, Zuspiel und Video

UA 2016 HMDK Stuttgart; nochmals aufgeführt im Rahmen des Donaueschingen Next Generation Programms.

Leitung : Christof M Löser
Bassklarinette : Annika Weichhelt
Schlagzeug : Lucas Gerin
Schlagzeug : Heyji Bak
Schlagzeug : Klemens Fregin
Klavier : Takuya Otaki
E-Gitarre : Thilo Ruck
Kontrabass : Nataly Gonzalez

„Annäherung an dein Wollknäuel mit Abschied der kleinen Trommel und Kommentar des Atmers“ – das ist der Titel eines Stücks von Nicolaus A. Huber, das 1991 nach dem Untergang der Sowjetunion geschrieben wurde. Die Trommel ist ein sehr symbolisches Instrument in unserer Geschichte, nicht bloß in Bezug auf die Militär- sondern auf unsere Popkultur. Für Nicolas A. Huber ist das Instrument sowohl ein ideologischer Vermittler, stellvertretend für die Arbeiterkultur, als auch ein Träger eines Repräsentations- bzw. Anwendungsmodell für die von ihm in den 70er Jahren geprägte sog. „Rhythmuskomposition“. Der Untergang der Sowjetunion bedeutete den Triumph des Kapitalismus – für Huber ein Zeitpunkt um nach neuen politischen Wegen zu suchen. Daher rührt Hubers Entscheidung, sich von seiner Trommel zu verabschieden und den Weg in das sog. „Mini-Politische“ einzuschlagen.

Letztes Jahr (2015) wurde der amerikanische Botschafter in Korea von einem Linksradikalen mit einem Messer verletzt. Dies verursachte eine starke Reaktion der politischen Rechten, die es als einen sehr beschämenden Einzelfall darstellte, mit der Forderung, man müsse sich als Nation bei den USA entschuldigen. Im Zuge dessen kam es zu einer großen Entschuldigungszeremonie von rechtsgerichteten koreanischen Christen. In der Zeremonie wurden traditionelle koreanische Trommeln verwendet, die entsprechenden Rhythmen jedoch aus ihrem ursprünglichen Kontext gerissen und banalisiert. Die Wirkung kippte ins Absurde, Komische und gleichzeitig Furchterregende. Die Trommeln und ihr stark ideologischer Charakter, der ihnen in Europa längst abhanden gekommen ist, werden heutzutage in einem fernen Land immer noch instrumentalisiert. Schnell entwickelte ich die Idee, aus der Zeremonie eine Rhythmuskomposition zu entwickeln, in der Art wie Huber es mit dem Dachau-Lied getan hat. Ich übertrug den Rhythmus auf die Instrumente, die körperlichen Gesten und das Videomaterial. Das Video besteht aus dem Schrei eines Kindes, dem Anfang der Zeremonie und Aufnahmen meines Gesichts. Es ist der Versuch eine Auseinandersetzung zu initiieren, zu reflektieren in welchem Verhältnis die Zeremonie zur zeitgenössischen koreanischen Gesellschaft (die aus einer militärisch geprägten und gewalttätigen Kultur entstanden ist) und deren Werten steht. Die körperlichen Gesten reflektieren ironisierend die historischen Konnotationen, die die Verwendung der Trommel im Verlauf der koreanischen Zeremonie unbewusst produziert.” (Ui-Kyung Lee, 2016)